Voll porno! 

Wasser tröpfelt die Wand herunter auf ein Blech. Es schneit. Eine blutverschmierte Hand liegt auf dem Boden. Zunächst sieht man nicht, was los ist. Dann eine Totale. Im kalten Hinterhof liegt eine Frau und regt sich nicht. Plötzlich durchbricht aggressive Rammstein-Musik die Stille. Ein Mann kommt vorbei und will einen Krankenwagen rufen. Sie möchte keine Hilfe. Daraufhin nimmt der Mann sie einfach mit nachhause, setzt sie ins Bett und macht ihr Tee. Sie beginnt daraufhin ihre Lebensgeschichte zu erzählen. So beginnt das neue Werk von Lars von Trier. Allein schon der Titel und die dazugehörigen Filmplakate sorgten für ausreichend Medienrummel. Zu Recht? Nein! Nymphomaniac  hat ein mittelschweres bis großes Problem: Man nimmt die Geschichte nicht ernst. Sollte von Trier geplant haben, eine Charakterstudie einer Nymphomanie-Patientin zu drehen, dann hat er völlig das Thema verfehlt. Wer das erwartet, sollte lieber Shame anschauen, da die Auswirkungen einer Sexsucht dort besser veranschaulicht werden. Aber nochmal zurück zur Anfangsszene von Nymphomaniac. Ein Beginn, der völlig an den Haaren herbeigezogen ist.

© Concorde Home Entertainment
It’s cold outside – © Concorde Home Entertainment

Die 40-Jährige Joe (Charlotte Gainsbourg) liegt in der Gasse und will keine Hilfe. Warum weiß man nicht. Aber kein Problem für Seligman (Stellan Skarsgård), den netten Retter von Nebenan, der sie bei sich zuhause aufnimmt. Soweit ist die Handlung noch einigermaßen plausibel. Als Joe dann allerdings ihre Lebensgeschichte erzählt – und man muss sich fragen, ob eine gerade zusammengeschlagene Nymphomanin nicht andere Probleme hat als ihrem Retter aus ihrem Leben zu erzählen – bleibt der Senior total locker. Bei einer Lebensgeschichte, bei der jeder normale Mensch nachfragen oder schockierend die Hand vor den Mund nehmen würde, bleibt Seligman die Ruhe selbst. Er vergleicht Joes Strategien, einen Mann aufzureißen, mit dem Fliegenfischen. Erzählt Joe davon wie ihr Erster sie drei mal von vorne und fünf mal von hinten genommen hat, fällt ihm sofort die Fibonacci-Folge dazu ein. Sexualpartner werden zur Bachsymphonie erklärt. Als Zuschauer sitzt man nur fassungslos da und fragt sich: „Wieso?“. Die Hauptdarstellerin ist total unglaubwürdig. Es wäre keine Überraschung, wenn sich ihre Geschichte am Ende von Vol. II als Lügengeschichte herausstellen würde. Zudem kommt es innerhalb der Story zu allerlei grotesken, ja unwirklichen Szenen. So bettelt ein Mann, dem die junge Joe (Stacy Martin) bereits ein zweideutiges Angebot gemacht hat, darum, sie möge es bitte nicht tun. Ist ihr aber egal, sie greift ihm kurzerhand in den Schritt, verpasst ihm einen Blow-Job und fertig ist der Lack. Wehren tut er sich nicht. Zweites Beispiel ist das, ja, man muss es zugeben, schon irgendwie lustige dritte Kapitel über Mrs. H. Nachdem sich Joe mit einem verheirateten Mann (Hugo Speer) vergnügt hat, und ihn schnell abservieren möchte, stellt sie ihn vor die Wahl: entweder seine Familie oder sie. Entgegen Joes Erwartung entscheidet er sich für Joe und steht mit gepackten Koffern vor ihrer Wohnungstür. Kurz darauf taucht seine Frau (Uma Thurman) samt der drei Kinder auf und fragt nach, ob sie sich mal kurz das „Hurenbett“ anschauen könnten. Die wütende Uma Thurman ist das umunstrittene Highlight des Films.

© Concorde Home Entertainment
© Concorde Home Entertainment

Es gab ja im Vorfeld Diskussionen, inwieweit die Sexszenen pornografisch oder künstlerisch seien. In diesem Fall scheint tendenziell eher Letzteres der Fall zu sein. Während beim Porno das Gesehene den Zuschauer scharf machen soll, ist das bei Nyphomaniac nicht so wirklich der Fall. Teilweise wird während dem Akt nämlich ein Insert eingeblendet. Oder das Bild wird dreigeteilt. Oder man hat nach soviel nackten Tatsachen einfach genug und schaltet innerlich ab.  Die fünf gezeigten Kapitel sind allesamt komplett unterschiedlich, visuell aber durchaus sehenswert, weil jedes Kapitel anders aussieht. Es gäbe bestimmt noch einige Dinge aufzuzählen, aber um es mit den Worten von Mrs. H zu sagen: „Wir gehen lieber, bevor es grotesk wird.“

Visuell spannend, inhaltlich unglaubwürdig (3.5/6)

Den Trailer zum Film gibt’s hier.

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