A Human-Interest-Story

Stephen Frears war die letzten Jahre alles andere als untätig. Pro Jahr lieferte der Regisseur mindestens einen Film, manchmal auch zwei. Bekanntestes Werk der letzten Jahre war wohl ohne Zweifel Die Queen aus dem Jahr 2006, für den Helen Mirren einen Oscar erhielt. Auch bei den diesjährigen Oscars war sein Film viermal nominiert. Darin geht es um Philomena Lee (Judi Dench), die in einem katholischen Kloster in Irland aufgewachsen ist. Damals wurden unverheiratete Mütter oftmals für die Geburt ins Kloster geschickt, danach zur Arbeit zwangsverpflichtet um die Kosten für die Entbindung zu begleichen und ihre „Sünde“ zu büßen, und ihr Kind zur Adoption freigegeben – so auch ihr Sohn Anthony (Tadhg Bowen). Davon hatte sie aber niemandem erzählt. An dessen 50. Geburtstag entscheidet sie sich, das Schweigen aufzugeben, sie versucht, ihren Sohn zu finden – allerdings ohne Erfolg. Bei einer Party lernt Philomenas Tochter den ehemaligen BBC-Reporter Martin Sixsmith (Steve Coogan) kennen. Nach anfänglichen Bedenken willigt er ein, Philomena bei ihrer Suche nach ihrem Sohn zu begleiten und darüber zu berichten. Er erfährt, dass die Kinder oftmals gegen größere Geldbeträge in die USA vermittelt wurden. Da Sixsmith hofft, an alte Verbindungen aus seiner Zeit als US-Korrespondent anknüpfen zu können, reisen er und Philomena nach Washington.

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Besonders packend wird die Geschichte nicht erzählt, obwohl der Zuschauer zu Beginn des Films direkt ins kalte Wasser geschmissen wird. Man wird Zeuge der schmerzvollen Geburt von Philomenas Sohn, die zunächst in einer Parallelmontage erzählt wird. Man sieht wie ihr die Nonnen ihren Sohn wegnehmen. Der Film versucht dennoch Schwarz-Weiß-Malerei zu vermeiden, was aber meistens sehr gekünstelt dargestellt wird. Ein Beispiel: Sixmiths Verlegerin fragt ihn ständig: „Wer sind die Guten und wer sind die Bösen?“. Die Nonnen sind natürlich die Bösen, antwortet er. Philomena widerspricht: „Nicht alle Nonnen waren schlecht.“  All das wirkt zu sehr gewollt. Insgesamt ist das Spannungsverhältnis zwischen der gläubigen Philomena und dem kritischen Martin Sixsmith recht überschaubar und seicht. Viel passiert dagegen über die Mimik der Schauspieler. Während Philomena den kompletten Inhalt eines Groschenromans zusammenfasst, sieht man in Steve Coogans Gesicht, wie furchtbar er das alles findet. Judi Denchs Philomena macht wirklich Spaß, weil sie unerwartet offen und unterhaltsam ist. Gleichzeitig ist die Trauer um ihren Sohn glaubwürdig und ergreifend. Steve Coogan wirkt häufig überfordert, was nicht nur an der Rolle liegt. Diese verkommt mit der Zeit immer mehr zum Sidekick und seinen permanent treudoofen Dackelblick ist man auch irgendwann leid. Als Zwischenschnitte fungieren immer wieder Super-8-Aufnahmen im Homevideo-Stil. Sie zeigen Erinnerungen an vergangene Zeiten, die immer wieder im Laufe des Films aufblitzen, aber inhaltlich wie visuell wenig Sinn ergeben.

Judi Dench großartig (4/6)

Den Trailer zum Film gibt’s hier zu sehen.

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