Der doppelte Jake und die Riesenspinne

Völlig verwirrt verlasse ich das Kino meines Vertrauens und laufe in die lauwarme Sommernacht hinein. In meinem Kopf ist nur eine Frage: „Wieso ist die Schwangere eine Riesenspinne?“ Mit dieser Szene endet nämlich ENEMY von Denis Villeneuve – definitiv die Mindfuck-Szene des Jahres. Alles beginnt noch relativ harmlos. Da schlurft der unmotivierte Geschichtslehrer Adam Bell (Jake Gyllenhaal) in seinen Vorlesungssaal, erzählt was von Revolution, geht nachhause wo seine Freundin Mary (Mélanie Laurent) auf ihn wartet, Sex, schlafen, aufstehen, wieder zur Uni. So läuft das tagein tagaus. Auf Anraten eines Kollegen sieht sich der introvertierte Adam einen Film an, nur um mit Entsetzen festzustellen, dass ein Schauspieler darin mitspielt, der ihm erschreckend ähnlich sieht. Um nicht zu sagen, GENAUSO wie er. Völlig panisch versucht er mehr über den ominösen Schauspieler herauszufinden. Er weiß bald, dass er Anthony (ebenfalls Jake Gyllenhaal) heißt und mit Helen (Sarah Gadon) verheiratet ist, die von ihm ein Kind erwartet. Es kommt zum Aufeinandertreffen von Adam und Anthony, aber damit ist die merkwürdige Situation noch lange nicht geklärt.

(c) Capelight Pictures
Adam, der Geschichtslehrer, (c) capelight pictures

„Chaos is order yet undeciphered“ – so steht es in gelben Lettern auf schwarzem Grund zu Beginn des Films auf der Leinwand. Dabei handelt es sich um ein Zitat aus der Buchvorlage von José Saramago. Sowohl in „Der Doppelgänger“ als auch in ENEMY geht es um Chaos und Ordnung, um Kontrollverlust und Selbstbeherrschung. Im Presseheft zum Film bezeichnet der Regisseur den Film als seinen persönlichsten: „Es ist ein Film über die Macht des Unterbewusstseins, ein Thema, das mich sehr beschäftigt, weil es einen so gewaltigen Einfluss auf unser persönliches Leben hat und sich nachhaltig auf die Gesellschaft im Allgemeinen auswirkt. Wenn man sich über diese Macht und ihre Nebenwirkungen nicht bewusst ist, wird man niemals wissen, wer wirklich das Kommando über uns hat und die Entscheidungen trifft.“ Dies ist bereits im Vorgängerfilm PRISONERS in Ansätzen zu sehen,  in dem Jake Gyllenhaal ebenfalls mitspielt. Zudem wird in beiden Filmen eine Obsession thematisiert, zur Erinnerung: in PRISONERS foltert ein Familienvater (Hugh Jackman) einen Mann, von dem er glaubt, er habe seine Tochter entführt.

Die Filme ähneln sich in Teilen auch in ihrer kinematografischen Handschrift. Das Villeneuve gerne durch Glasscheiben und Spiegel filmt, sah man bereits im Vorgänger. Helle lichtgeflutete Büroräume und Sonnenschein bilden häufig den Kontrast zum verworrenen und düsteren Spannungsbogen, aber auch zu „dunklen“ Handlungsorte. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber Spinnen bilden ein wiederkehrendes Motiv im Film – definitiv kein Film für Arachnophobiker. Die Musik von Danny Bensi und Saunder Jurriaans nervt hier und da, weil die Musik dann nur aus zwei Oboentönen besteht und eigentlich einige Situationen gruseliger macht, als sie eigentlich ist.

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Anthony und seine Freundin, (c) capelight pictures

Kommen wir zu Jake Gyllenhaal, der den Film glaubhaft trägt, ganz besonders, weil man nie weiß, ob man Mitleid mit dem Geschichtslehrer mit den trostlosen Augen oder Angst vor dem manipulativen Doppelgänger haben soll. Zudem sorgt der doppelte Jake für zahlreiche Verwirrung, was bei einem Mindgame-Film natürlich von Vorteil ist. Mélanie Laurent und Sarah Godon (mit Schwangerschaftsbauch-Prothese) machen ebenfalls eine gute Figur – an der Seite von einem derart überzeugenden Hauptdarsteller aber auch kein Wunder.

Dank Wikipedia weiß ich inzwischen, wie ich den Film zu interpretieren habe. Dank Youtube auch. Dennoch habe ich das Gefühl, dass man da noch viel viel mehr reininterpretieren und entdecken kann. Der Film ist nämlich hier und da auch recht selbstreflexiv. So taucht in der Filmhandlung namentlich ein Frasher Ash und ein Kevin Krikst auf. Beide sind Produzenten des Films. Die Youtube-Erklärung zum Film fand ich sehr plausibel. Meine Prognose:  das ist ein Film, der mit jedem Mal sehen besser wird. Diesen Film muss man sehen. Immer und immer wieder. Um ihn zu verstehen. Um ihn zu lieben.

Mindgame at its best (4.5/6 bzw. 5/6 bzw. 5.5/6 bzw. 6/6)

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