In den letzten Jahren häufen sich Filme, die eigentlich Werbefilme für irgendwelche Produkte sind, in der Regel Spielzeug. Jetzt könnte man einfach mit den Achseln zucken und Filme wie TRANSFORMERS oder THE LEGO MOVIE als Phänomen abtun oder mit Verweis auf das Product-Placement argumentieren, das dem Film vorschreibt, die in der Handlung verwendeten Produkte mal mehr mal weniger auffällig zu bewerben. Aber eine weitaus unbeachtete Konsequenz folgt daraus. Der Werbefilm lässt die Inspiration und Kreativität seiner Zuschauer verkümmern. Um meine These zu erläutern, habe ich zwei „Filmarten“ unterschieden und verglichen.

Der klassische Film

Dieser Ausdruck ist zwar stilistisch schlecht gewählt, weil er alles und nichts bedeuten kann, aber ich werde nachfolgend erklären, was ich genau damit meine. Prinzipiell gibt es beim klassischen Film zwei Inspirationsquellen für einen Film, entweder ein Buch/Graphic Novel/Comic usw. oder ein komplett neues Drehbuch.

Die Buchverfilmung

Die verfilmte Buchvorlage hat es immer schon gegeben, daher zähle ich sie zum klassischen Film. Diese Subkategorie ist etwas schwer zu fassen, da es häufig darauf ankommt, ob das Publikum bereits den Stoff kennt. Wie im Fall der HERR DER RINGE– oder HARRY POTTER-Bücher will sich das Publikum lediglich vergewissern, dass der Stoff gut umgesetzt wurde. Daher ist der Film wenig überraschend und folglich auch kaum inspirierend. In diesem Fall liegt die Inspirationsquelle wahrscheinlich eher beim Buch und nicht beim Film, weil der Leser durch das Buch auf den Film aufmerksam wird. Im umgekehrten Fall kann es durchaus zu kreativen Ausbrüchen kommen, aber nachdem es hier auf das jeweilige Vorwissen ankommt, kann man keine pauschale Aussage machen, weshalb ich diese Subkategorie erst einmal ausblende.

Das neue Drehbuch

Einfacher erscheint mir da der „Neues aus Nichts“-Film, also ein Film mit komplett neuer Geschichte, die es vorher noch nicht in irgendeiner Form gab. Nachdem das Drehbuch steht, wird der Film (evtl. mithilfe von Product-Placement) gedreht und kommt schließlich  in die Kinos. Die Zuschauer sehen diesen Film und reagieren darauf. Sie denken über die Handlung nach und kommen vielleicht zu dem Schluss, dass der Film so gut ist, dass sie zu einer Idee inspiriert werden. Sie schneidern sich das Outfit ihres Leinwandhelden nach, schreiben Fanfiction oder kaufen Merchandising-Produkte zum Film. Als Beispiel wähle ich die britische Sci-Fi-Serie DOCTOR WHO. Das Internet ist voll von Betten im Tardis-Look, TARDIS-Türen, Hütten, Schmuck und Cosplay (und das ist noch nicht alles). Soll heißen, jeder Zuschauer lässt sich anders von einem Film inspirieren und kann selbst entscheiden, welchen Aspekt eines Films er interessant findet und wie dieser Teil seines Lebens wird.

Schematischer Ablauf bei einem klassichen Film
Schematischer Ablauf bei einem klassischen Film; mit „filmfernen Produkten“ sind z.B. Kleidung und Bastelsachen usw. gemeint, die zur Umsetzung der Idee benötigt werden
Der Werbefilm

Stellen wir uns jetzt einen „Werbefilm“ vor. Hier wird aus dem Produkt ein Film gemacht. Dies kann zum einen daran liegen, weil es bereits kreative Bestrebungen von Fans gibt (bereits vor THE LEGO MOVIE gab es auf Youtube schon Kurzfilme mit Legofiguren) und/oder weil das Unternehmen ein bestimmtes Produkt weltweit bekannter machen möchte. Das große Problem eines jeden Filmemachers ist immer die Filmfinanzierung und wenn ein Konzern wie Hasbro oder Lego sie übernimmt, ist das für den Regisseur und die Produzenten komfortabel, auch wenn man die eigenen Ideen vielleicht den Ideen der Sponsoren unterwerfen muss. Ziel des Unternehmens ist natürlich, dass der Zuschauer durch den Film animiert wird, das beworbene Produkt kaufen. Natürlich kann auch ein Werbefilm ansprechend für den Zuschauer sein und diesen inspirieren, allerdings ist hier die Idee meist an das Produkt gebunden. Heißt im Klartext: Will ich meinen Lieblingsfilm mit Lego nachspielen, brauche ich erstmal einen Haufen Lego-Produkte, bevor ich überhaupt loslegen kann. Der Werbefilm ist kein kreatives Ausdrucksmittel wie der klassische Film, hier geht es nur um’s Geschäft. Mit simplen Botschaften und flachen Witzen wird der Zuschauer zum reinen Konsumenten degradiert.

Schematische Darstellung im Falle des Werbefilms
Schematische Darstellung im Falle des Werbefilms

So, what’s the problem?

Natürlich kann man jetzt hier die Kracauer-Karte spielen und fragen: Was sagt es über die Gesellschaft aus, wenn sie sich freiwillig zweistündigen Werbefilmen aussetzt? Aber auch anders herum lässt sich die Frage stellen: Was sagt es über den Film, wenn die Quintessenz ebendessen eigentlich nur „Kauf mich“ ist? Wo bleibt dann noch ein künstlerischer Wert eines Films? Sicherlich werden die meisten Kinofilme heute nicht mit dem „L’art pour l’art„-Gedanken gedreht, das dürfte jedem klar sein. Allerdings sorgt der Werbefilm dafür, dass das eigenständige Denken und die eigene Kreativität des Zuschauers eingeschränkt werden. Hier kann er sich nicht mehr frei entscheiden, was ihn interessiert und inspiriert, weil er das Produkt bereits in einem festgelegten Kontext präsentiert bekommt. Das Produkt wird in ein ansprechendes Setting gesetzt, welches in der Regel mit Attraktivität, Spaß und Spannung assoziiert wird. Es wird ein Bedürfnis für das Produkt erzeugt und die logische Folge ist dann der Kauf. Es ist sicherlich möglich, dass sich manch einer dann doch noch weitergehend für den Film interessiert (hier z. B. ein menschlicher Transformer), das muss aber als kostenlose Werbung angesehen werden. Mit dem Kauf wird der Film dann nutzlos, was auch erklärt, warum diese Filme häufig sowohl inhaltlich wie visuell recht einfach gestrickt sind. Der Zuschauer weiß das und baut seine Inspiration ebenfalls auf dem Einfachen auf. Der Werbefilm dient als Mittel zum Zweck, als Appetizer, als Bedürfniserzeuger. Er schränkt das Denken des Zuschauers ein, der fortan nur an die Attraktivität und den Kauf des Produkts denkt. Aber Film ist mehr. Film inspiriert und treibt an. Film ist mehr als Kaufrausch und Exzess. Es mag verrückt erscheinen, diese Attribute ausgerechnet dem Kino abzusprechen, was wie kein Zweites zur Konsum- und Spaßgesellschaft gehört. Dennoch ist in jedem guten Film ein Stück Lebensberatung, Fernweh, Orientierung und Information enthalten. Und die bekommt man gratis dazu. Ohne Verpflichtungen oder Manipulation. Daraus kann der Zuschauer lernen und wachsen und sich seine eigenen Gedanken machen und die sind ja bekanntlich frei. Herzlichen Dank meiner Kommilitonin Anna, die diesen Beitrag lektoriert hat und mir den ein oder anderen guten Tipp zur Argumentation meiner These gegeben hat.the show the fandom

Advertisements