Folter, Schmerz und Lust

Wir leben in sexuell aufgeladenen Zeiten. Braungebrannte Tänzerinnen strecken uns in Rapvideos ihre Hintern entgegen. FIFTY SHADES OF GREY wird zum Publikumshit, in dem sich schöne Menschen in hübschen Wohnungen mit extravaganten Methoden Lust bereiten. Ein absoluter Gegenentwurf scheint da HAFTANLAGE 4614 von Jan Soldat zu sein: keine edle Unterkunft und keine  jungen gestählten Körper, sondern Menschen wie du und ich. Denn Arweds zahlende Gäste lassen sich freiwillig in seinem selbstgebauten Gefängnis einsperren, irgendwo in Deutschland. Dort bleiben sie dann mehrere Tage und werden von Arwed und seinem Partner Dennis schikaniert und können ihre Knastfantasien ausleben.

Haftanlage 4614 Still 1Die erste Szene beginnt mit Waterbording. Unweigerlich denkt man an den Folterskandal in Guantánamo. Minutenlang dauert die Einstellung und es zieht sich einem beim Zusehen immer mehr der Magen zusammen. Der Gefangene windet sich, der Aufseher schreit und lässt weiter unaufhörlich Wasser über den Kopf laufen. Wenig später liegt ein Gefangener auf dem Bauch liegend auf dem Bett. Arme und Beine sind gefesselt. Arwed kitzelt den Mann an den Füßen. „Das ist Folter pur, ich weiß.“ kommentiert er sein Tun und verlässt danach den Raum. Auch wenn alles nur eine besondere Form des Rollenspiels ist, nehmen beide Personengruppen ihre Position ernst. Wer die Filme von Jan Soldat kennt (→ Kasseler Dokfest 2013), weiß worauf er sich einlässt. Immer wieder schafft er es mit seinen Filmen, die häufig einen sexuellen Fetisch und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Menschen  zum Thema haben, eine Mischung aus Abscheu und Unverständnis, Faszination und Neugier auszulösen. Und vor allem stellt sich die Frage, ob man lachen darf, wenn eine Situation einfach zu grotesk ist. Wie im Falle eines Gefangenen, der sich nicht ins Bett legen darf. Auf einem Monitor überwacht Arwed seinen Schützling, der allerdings nur am Rand kauert und ganz offensichtlich überlegt, was er machen soll. Arweds Reaktion: „Leg‘ dich ins Bett, damit ich dich anschreien kann.“

Haftanlage 4614 Der Film hat Anteile von reinem Dokumentieren der Situation, aber auch Interviews mit den „Gefangenen“ und „Wärtern“, wobei der dokumentarische Teil überwiegt. Das ist etwas schade, weil nach dem 60-Minüter noch unglaublich viele Fragen offen bleiben. Da ist man dann auf Sekundärquellen angewiesen → Interview. Auch über die „Gefangenen“ erfährt man wenig. Einer ist Chemielaborant und scheint seine Zeit im Gefängnis aus irgendwelchen Gründen tatsächlich zu genießen. Ein Begründung, warum sich Menschen in ein solches Abhängigkeitsverhältnis begeben und warum ihnen die Knasterfahrung Spaß und Lust bereitet, wird absichtlich nicht gegeben. Der Film sorgt dafür, dass sich der Zuschauer zu den gezeigten Szenen verhalten und positionieren muss. Indem er den Kinosaal kopfschüttelnd verlässt oder indem er gebannt sitzenbleibt. In jedem Fall wird der Zuschauer gezwungen sich Gedanken zu machen, egal wie die dann am Ende ausfallen. Das schaffen Filme selten. Und schon gar nicht FIFTY SHADES OF GREY.

Krass und doch irgendwie faszinierend (5/6)

Bilder und Trailer: © Jan Soldat

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