In einem staubtrockenen Text, den ich leider für mein Studium lesen musste, stieß ich auf einen interessanten Gedanken. Der Text behandelte den Übergang von Stumm- zu Tonfilm und das sich die Zuschauer durch den Tonfilm mehr der Tatsache bewusst wurden, das der Film ein künstlich erstelltes Medium ist, ganz besonders durch Tonprobleme oder schlechte Synchronisation. Das wiederum brachte mich auf den Gedanken, wann man denn heutzutage darauf aufmerksam gemacht wird, das der Film ein künstlich erstelltes Medium ist. Outtakes lautete die Antwort.

Was sind Outtakes?

Bei Outtakes (oder Blooper) im Film handelt es sich meistens um Pannen und Störungen beim Drehen des Films, die auf der DVD oder BluRay als Zusatzangebot abgerufen werden können. Der Filmemacher dreht in der Regel mehr Material als er eigentlich für seinen Film bräuchte um im Nachhinein die besten Szenen auszuwählen. Und natürlich gibt es auch verpatzte Szenen, die man grob in drei Arten einteilen kann: set-interne wie z.B. Versprecher der Schauspieler oder Kommentare zum eigenen Schauspiel („Das war blöd, das machen wir nochmal.“), set-externe wie z.B. Flugzeug- oder sonstiger Verkehrslärm oder nichteingeweihte Personen, die durch das Bild laufen oder geplante Outtakes, etwa vom Schauspielern um die Stimmung auf Set aufzulockern oder in den Credits von  Animationsfilmen, in denen absichtlich Versprecher und Pannen eingebaut werden. (→ MONSTER AG). Sehr selten ist die Vermischung von Making-of und Blooper: Hier wird dokumentiert welche ungewöhnlichen Mittel der Regisseur einsetzte um bei den Schauspielern bestimmte Reaktionen hervorzurufen. So wurde beim Dreh von FINDING NEVERLAND ein Pfurzgeräusch abgespielt, damit die Kinder beim Essen lachen (siehe hier). Diese Momente werden entweder am Ende des Films gezeigt oder als Zusatzmaterial auf der DVD oder BluRay angeboten. Aber warum macht man das überhaupt?

Warum werden Outtakes veröffentlicht?

Glücklicherweise haben wir an der Uni eine Professur für Bildtheorie mit dem Schwerpunkt Bewegtbildforschung und einen kompetenten Prof, der mir zu dem Thema unter anderem das Buch „Das flexible Kino“ von Jan Distelmeyer empfohlen hat.

Meine Anfangsthesen waren:
1. Dem Zuschauer soll durch die Outtakes ein Blick hinter die Kulissen gewährt und gezeigt werden, wie viel Spaß der Dreh gemacht hat. Aber dazu würde es ja eigentlich auch reichen, wenn man die gute Stimmung am Set in Interviews betont.
2. Dem Zuschauer soll die Künstlichkeit des Mediums deutlich gemacht werden(Filmutensilien im Bild, Tonprobleme…). Aber weiß der Zuschauer das nicht schon längst?
3. Der Regisseur kann unpassendes Material wiederverwerten. Aber ist das überhaupt im Interesse des Regisseurs? Würde es nicht viel eher für einen guten Regisseur sprechen, wenn  er gar keinen Ausschuss produziert?
4. Der Zuschauer kann sich ein eigenes Bild darüber machen, was der Regisseur oder das Studio als unpassend erachtete und überlegen, ob dies gerechtfertigt war.

Bonus-Materialien als Mehrwert

Auf den entscheidenden Punkt kam ich aber erst später: 5. Outtakes als Verkaufsargument. Denn die Outtakes wie auch andere Bonus-Materialien (Audiokommentar, Making-ofs, Trailer, Easter-Eggs etc.) sind Produkte der Studios und Produktionsfirmen, weil sie sich einen ökonomischen Mehrwert davon versprechen. Hierzu muss man wissen, dass die Bonus-Materialien erst mit dem Aufkommen der DVD so richtig interessant wurden. Man wollte die DVD mit einem Mehrwert gegenüber dem Kinofilm ausstatten. Zudem sorgen die Extras auch beim Käufer für eine höhere Einschätzung des Wertes. Häufig gibt es von großen Filmen zwei, wenn nicht sogar drei Arten (1. nur der Film, 2. Film mit Extras, 3. Director’s Cut/Deluxe Edition/Fan Edition mit zusätzlichen Gadgets wie z.B. Figuren), die es dann auch in zwei, drei Preiskategorien zu kaufen gibt.  Einen weiteren interessanten Mehrwert-Aspekt fand ich in dem Artikel von Alexander Böhnke: nämlich das man durch die DVD den Film besitzen kann. Während der Kinobesuch ein flüchtiges Erlebnis und an Zeiträume, Uhrzeiten und Orte gebunden ist, hat der Käufer einer DVD alles in der Hand: er kann selbst entscheiden, wann, wo und wie (z.B. Pause oder Vorspulen) er den Film ansehen möchte.

Braucht man das Bonus-Material überhaupt noch?

Jetzt stellt sich die Frage, ob das Bonus-Material eigentlich ausgedient hat. Blooper findet man inzwischen auch auf Youtube genau wie Interviews und Making-ofs. Die Produktionsfirmen und Studios wissen selbst nicht, ob die Extras überhaupt die Kaufentscheidung beeinflussen. Zudem geht der Trend immer mehr zu Streamingdiensten, die Verkaufszahlen von DVDs gehen zurück. Aber solange es keine gesicherten Erkenntnisse gibt, werden auch weiter die Extras Bestandteil von DVDs und BluRays bleiben.


Siehe auch

Alexander Böhnke: Mehrwert DVD (→ Artikel)

Keith Phipps: How to make the Blu-ray relevant again (→ Artikel)

Jan Distelmeyer: Was die Disc vom Film weiß (→ Artikel)

Jan Distelmeyer: Das flexible Kino ( Buch)

Quelle Titelbild: http://fc02.deviantart.net/fs71/f/2012/329/d/e/the_avengers_gag_reel__tom_hiddleston_loki_by_chiaratippy-d5m4br9.png, welches wiederum aus den Outtakes von THE AVENGERS entnommen ist (→ Bewegtbildbeweis)

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