Von gefallenenen Engeln und aufstrebenden Teufeln

Im Moment scheint es wirklich eine gute Zeit für Debütfilmer zu sein. Und glücklicherweise suchen sich diese Debütfilmer auch neue Thematiken aus anstatt Altes wiederzukäuen. Der Neo-Western scheint ebenfalls langsam wieder im Kommen zu sein. Neben bildgewaltigen Blockbuster-Western wie DJANGO UNCHAINED fanden sich in den letzten Jahren aber auch immer wieder einfühlsame Westerndramen wie THE HOMESMAN. In letztere Kategorie gehört auch SLOW WEST. Darin geht es um den 16-jährigen Schotten Jay Cavendish (Kodi Smit-McPhee), der von zuhause ausgerissen ist und nun im wilden Westen des 19. Jahrhunderts seine große Liebe Rose (Caren Pistorius) finden will. Spärlich bewaffnet, aber voller Elan macht sich der Junge auf die Suche. In einem Wäldchen in Colorado rettet ihm der wortkarge Silas (Michael Fassbender) das Leben und bietet sich als Beschützer und Wegbegleitung Richtung Westen an, gegen Bezahlung natürlich. Der naive Junge lässt sich darauf ein. Wie wichtig Silas‘ Unterstützung ist, wird recht schnell klar: Jays Weg kreuzt Ureinwohnern und undurchsichtigen Wissenschaftlern. Unterwegs treffen die beiden nicht nur auf den exzentrischen wie gefährlichen Kopfgeldjäger Payne (Ben Mendelsohn) sondern erfahren auch, dass ein hohes Kopfgeld auf Rose und ihren Vater (Rory McCann) ausgesetzt ist. Silas hat es darauf abgesehen, gerät aber zunehmend in einen Gewissenskonflikt, da er Jay inzwischen sehr gern hat und ihn unterstützen möchte. Es kommt zum unvermeidlichen Showdown.

Jay (Kodi Smit-McPhee) in Gefah - © 2015 Prokino
Jay (Kodi Smit-McPhee) in Gefahr – © 2015 Prokino

SLOW WEST ist in mehrerlei Hinsicht ungewöhnlich. Da wäre zum einen Michael Fassbender, der nicht nur als Schauspieler auftritt, sondern auch als Executive Producer. Dazu muss man wissen, dass Fassbender bereits in Macleans 2. Kurzfilm → PITCH BLACK HEIST mitgespielt und -produziert hat und ebenfalls in dessem ersten Kurzfilm die titelgebende Hauptrolle, den MAN ON A MOTORCYCLE, gab. So ist es nicht ganz überraschend, dass auch hier Fassbender wieder mitmischen darf, auch wenn es sich dieses Mal um einen Langspielfilm handelt. Weit auffälliger ist, dass alle in Schottland spielenden Szenen tatsächlich auch vor Ort gedreht wurden, der wilde Westen wurde allerdings ins Land der Elben und Orks nach Neuseeland verlegt, was natürlich zu wunderschönen Landschaftsaufnahmen führt. Statt rascher Etablierung der Guten und Bösen stellen sich alle Charaktere als etwas verschroben und exzentrisch heraus. Desweiteren spielt der Film auch mit den typischen Klischees eines Westerns und den Erwartungen des Zuschauers.

Im Salon - © 2015 Prokino
Im Gemischtwarenladen brennt die Luft – © 2015 Prokino

Die Langsamkeit im Titel lässt sich auch auf den Film und die Geschwindigkeit der Reise übertragen. Dies sorgt für eine Entschleunigung beim Zuschauer. Kleinere Abstriche werden allerdings bei der Story gemacht. Die Motivation der Figuren ist in manchen Szenen nicht ganz klar. So wird beispielsweise keineswegs erklärt, wie es Jay den weiten Weg von Schottland in den Wilden Westen geschafft hat. Allein schon aus Gründen des Geldes und der Logistik stellt sich das für einen Teenager schwierig da. Warum haben ihn seine Eltern nicht aufgehalten? Wie konnte er es überhaupt soweit schaffen? Und auch Silas‘ bietet viel zu schnell seine Dienste an. Dennoch ist SLOW WEST ein unkonventioneller Western mit starker Besetzung in grandioser Kulisse.

Unkonventioneller Neo-Western (5/6)

Titelbild und Trailer: © Prokino

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