Vom Lamm im Wolfsland

Die US-amerikanisch-mexikanische Grenze ist spätestens sei der Präsidentschaftskandidatur von Donald Trump wieder in aller Munde. Über die Mexikaner sagte Trump: → „Sie bringen Drogen, sie bringen Kriminalität, sie sind Vergewaltiger.“ Um die ungehinderte Einwanderung dieser angeblich Kriminellen zu verhindern, wolle er eine Mauer an der Grenze bauen und die Kosten werde er dann Mexiko in Rechnung stellen. Doch statt großer Reden und Theorien beschäftigt sich Denis Villeneuves neuer Film mit den Tatsachen im Grenzgebiet zwischen dem US-Bundesstaat Arizona und Mexiko. Hier ist die FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) zusammen mit ihrem Team im Einsatz. Bei der Erstürmung eines Hauses nahe der Grenze entdeckt sie dutzende Leichen.  Es sind die Opfer des Drogenkriegs, in den der Regierungsbeauftragte Matt Graver (Josh Brolin) nun mit einer neugegründeten Spezialeinheit des CIA eingreifen will. Mit dem Versprechen die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft zu ziehen, rekrutiert er Kate für seine Taskforce. In der mexikanischen Grenzstadt Juarez wird Kate Teil eines Gefangenentransports. Bei der Rückfahrt in die USA versuchen mehrere Mitglieder der örtlichen Drogenmafia einen Verkehrsstau vor der Grenze zu nutzen, um den Gefangenen in ihre Hände zu bekommen. Auch durch den Einsatz des kampferprobten kolumbianischen Staatsanwaltes Alejandro (Benicio Del Toro) können die Amerikaner jedoch unverletzt entkommen. Die Mitglieder der Drogengang werden getötet. Doch bald stellt Kate die Mission in Frage, da sie immer häufiger von Entscheidungen ausgeschlossen oder von ihren Kollegen als Köder benutzt wird.

Alejandro (Benicio Del Toro, links) Matt (Josh Brolin, mittig) und Kate (Emily Blunt, rechts) im Quartier - © 2015 StudioCanal
Alejandro (Benicio Del Toro) Matt (Josh Brolin) und Kate (Emily Blunt) im Quartier – © 2015 StudioCanal

Die Mexiko-Klischees von Trump und anderen Pauschalverurteilern greift der Film auf. Er spielt mit Erwartungen und Klischees. Von oben bis unten tätowierte Typen mit grimmigen Vissagen sind schon mal per se verdächtig. Oft ertappt man sich beim Schauen des Films dabei in diesen Mustern zu denken. Regisseur Villeneuve wechselt immer wieder die Perspektive. Häufig überfliegt die Kamera Stadt und Landschaft als wären die Probleme im Grenzgebiet klitzeklein und einfach zu lösen und gleichzeitig zeigt die Vogelperspektive auch die Unübersichtlichkeit.  Josh Brolin gibt den selbstbewussten, tiefentspannten King of Cool; den Typ Terrorexperten, wie man ihn aus einschlägigen Ami-Krimis kennt. Ruhig ist auch Benicio del Toros Alejandro, der undurchsichtige Rechtsanwalt, der im Schlaf schlecht träumt, und im Wachzustand die Ursache seine Albträume zu bekämpfen versucht. Eine sehr ambivalente Figur; definitiv kein Kerl zum Gernhaben. Mit Emily Blunt wurde eine toughe, actionerprobte Schauspielerin gewählt, die gleichzeitig auch Zweifel und Trauer zeigen darf. Ihre Kate ist idealistisch und hofft durch ihre Arbeit im Grenzgebiet wenigstens ein kleines Bißchen zu verändern. Doch sie ist nur ein Spielball, ein kleines Rädchen im Getriebe, irgendwie fehl am Platz, ein Lamm im Wolfsland.

FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) und Kollegen auf dem Weg ins Ungewisse - © 2015 StudioCanal
FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) und Kollegen auf dem Weg ins Ungewisse – © 2015 StudioCanal

Nach einem starken Start lässt die Story ab der Mitte stark nach, denn nicht nur Blunts Figur Kate wird für dumm verkauft, sondern auch der Zuschauer. Der Fokus verlagert sich zunehmend auf Benicio Del Toros Alejandro. Villeneuve beschäftigt sich in seinen Filmen immer wieder mit Moral und Ethik im zwischenmenschlichen Zusammenleben. Was darf ein Mensch tun um andere Leben zu retten? Ein Motiv, dass bereits in PRISONERS plakativ thematisiert wurde. Auch hier gibt es wieder keine klare Lösung, keine klare Linie zwischen Gut und Böse. Diese Botschaft kommt zwar an, aber mit stärkerer Fokussierung auf Kate hätte die Handlung knackiger erzählt werden können. Kleine Warnung noch an Zuschauer mit empfindlichen Mägen. Die Kamera ist öfter mal nah an Leichen(teilen) und Schusswunden dran. Außerdem wechselt im letzten Drittel die Kamera häufig in den Point-of-View-Modus mitsamt Nachtsichtgerät und Wärmebild. Diese Wechsel sorgen – Achtung, Wortspiel – augenscheinlich für Irritationen. Die letzte Szene fasst gut den Film zusammen. Eine Gruppe mexikanischer Jungs spielen Fußball. Die Eltern stehen am Spielfeld. Plötzlich fallen Schüsse in der Ferne. Der Schiedsrichter pfeift für eine Unterbrechung. Kinder und Eltern schauen erschrocken in die Richtung aus der die Schüsse kamen. Nichts mehr zu hören. Anpfiff. Weiter geht’s.

Das ginge besser (4.5/6)

Titelbild und Trailer: © Studiocanal

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