Zurück zum Urheber aller Schmerzen

Es ist ein komisches Gefühl. Dem Abspann nachzusehen und sich zu fragen: „Wie? Das war’s jetzt?“ Das ist der Film von dem schon seit Wochen geredet wird? Die Erwartungen waren mehr als nur hoch. SKYFALL konnte nach dem Disaster-Movie QUANTUM OF SOLACE überzeugen. Sam Mendes führt wieder Regie. Der Cast ist erstklassig. Da kann doch gar nichts schief gehen, dachten sich viele,  kauften fleißig Kinotickets und SPECTRE sprengte alle (Vor-)verkaufsrekorde. Das soll es also gewesen sein? Das unglückselige Gefühl einer perfekt funktionierenden Marketingmaschinerie aufgesessen zu sein, macht sich breit. Dabei sah zu Beginn noch alles gut aus. Kein hektischer Stuntmarathon. Lässigen Schrittes hüpft James Bond (Daniel Craig) auf den Dächern von Mexico City herum, um am → Tag der Toten den Terroristen Marco Sciarra (Alessandro Cremona) in einem packenden Kampf im fliegenden Helikopter umzubringen.  Kleines Problem an der Sache ist, dass Bond eigenmächtig handelte und keinen entsprechenden Auftrag von M (Ralph Fiennes) hierfür erhalten hatte. Der ist außer sich, schließlich steht ihm das Wasser bis zum Hals. Der engagierte Chef des Centre for National Security Max Denbigh, genannt C (Andrew Scott), will lieber Drohnen in den Krieg schicken statt Agenten und das Doppelnull-Programm am liebsten einstellen.  Bond besucht schließlich die Beerdigung in Rom, wo er die Witwe des Kriminellen, Lucia (Monica Bellucci), kennenlernt.  Bond unterwandert ein geheimes Treffen und deckt die Existenz der zwielichtigen Organisation Spectre auf. Der Kopf von Spectre, Franz Oberhauser (Christoph Waltz), ordnet bald darauf den Tod von Mr. White (Jesper Christensen) an. Bond kann seinen Verfolgern entkommen und dank tatkräftiger Hilfe von Moneypenny (Naomie Harris) und Q (Ben Whishaw) nicht nur White selbst, sondern auch dessen Tochter Madeleine Swann (Léa Seydoux) aufspüren. Zusammen wollen sie dem Geheimnis um Spectre auf die Spur kommen.

Léa Seydoux als blonde Verführung - © Sony
Léa Seydoux als blonde Verführung – © Sony

Warum nur? Der Film ist nicht hammermäßig gut, aber auch nicht schlecht – „solide“ wäre wohl die politisch korrekte Bezeichnung. Warum hat man nur beim Drehbuch so häufig gepatzt? Und die viel bessere Frage: → „Wofür braucht es vier Leute um ein Skript zu vergeigen?“ (Oliver Lysiak, Fünf Filmfreunde). Besonders gegen Ende, wenn das Verwirrspiel endlich aufgelöst wird, tun sich metertiefe Logiklöcher auf, die man trotz dem üblichen Toleranzrahmen für Actionfilme dieser Art, einfach nicht mehr hinnehmen kann. Manche Dialoge wirken furchtbar gestelzt, gut, das mag vielleicht auch an der deutschen Synchronisation liegen, aber es herrscht auch keinerlei Chemie zwischen Bond und den Bondgirls. Das Rumgeknutsche von Daniel Craig und Monica Bellucci vor dem Spiegel gleicht einer Parodie (Blogger Michael Scharsig formuliert in seiner Kritik, es gäbe reihenweise Dialoge, die sich für einen → HONEST TRAILER eignen würden, die Spiegelszene gehört definitiv dazu). Der Plot ähnelt sehr MISSION: IMPOSSIBLE- ROUGE NATION; hier wird auch das Agentenprogramm in Frage gestellt und innerhalb von kürzester Zeit von exotischem Ort zu exotischem Ort gereist.

Q (Ben Whishaw) unterstützt Bond (Daniel Craig) vor Ort - © Sony
Q (Ben Whishaw) unterstützt Bond (Daniel Craig) vor Ort – © Sony

In vielerlei Hinsicht ist SPECTRE inkonsistent. Der Eröffnungstrailer ist voller Oktopusse. Ein Symbol, dass im Film aber nur noch als Bild auf den Ringen der Spectre-Mitgliedern auftaucht. Zudem kehrt die Bond-Reihe wieder zu ihren ursprünglichen An­d­ro­zen­t­ris­mus zurück. Die Frauenrollen sind rar gesäht und obwohl die Frauen allesamt gebildet sind, sind sie doch nur hübsches Beiwerk, ein Mittel zum Erreichen des Zwecks. Eine schwache Entschädigung ist es da, das die Angebetete zur Abwechslung einmal das Filmende überlebt. Es wirkt fast so, dass mit dem Tod von Judi Dench’s M der Aufpasser für Entgleitungen dieser Art mitgestorben ist. Keiner der Schauspieler sticht besonders aus der Masse hervor. Auch Christoph Waltz nicht, von dem man das ja im Vorfeld eigentlich erwartet hatte. Die Motivation seiner Figur wird in einem Satz erklärt. Danach wird weiter in Bonds Kopf herumgebohrt. Ein Prozedere, das dieser natürlich überlebt. Kleiner Spoiler: C, gespielt von Andrew Scott, fliegt am Ende in die Tiefe, was angesichts der Reichenbach-Folge unfreiwillig ironisch wirkt. Erst groß → „I owe you a fall“ ankündigen und dann erwischt es ihn selbst.

Oberhauser (Christoph Waltz) und Swann (Léa Seydoux) - © Sony
Oberhauser (Christoph Waltz) und Swann (Léa Seydoux) – © Sony

Positiv fallen die Plansequenzen in Mexico Stadt zu Filmbeginn auf. Das Opening ist vergleichsweise ruhig und unaufgeregt. Weiteres Plus ist, dass Q, M und Moneypenny vermehrt das Büro oder die Werkstatt verlassen und in den Außeneinsatz gehen.  Auch das stärkere Verweben der einzelnen Filme miteinander gelingt gut. Bonds Biografie wird wieder angerissen, wenn auch nicht so ausführlich wie in SKYFALL. Manche Szenen sind Anspielungen auf die vorangegangenen Filme z.B. Oberhauser robbt verletzt über den Boden/Mr. White robbt auf sein Haus zu (→ Sch(l)ussszene CASINO ROYALE) oder M erzählt, dass die Lizenz zum Töten auch das Nichttöten beinhaltet/ähnliches → Gespräch von Q und Bond vor dem Turner-Gemälde (SKYFALL). Auch die wenigen spaßigen Dialoge oder Szenen, wie z.B. Q, der sich an einem Witz versucht, oder Bond, der komischerweise nach einem langen Fall ausgerechnet auf einem Sofa landet, zünden. Die Actionsszenen sind gewohnt gut, auch wenn man immer den Eindruck hat, hier gehe es ausschließlich darum packende Bilder zu produzieren statt eine spannende Geschichte stringent zu erzählen. Daniel Craig hat noch nicht bekannt gegeben, ob er weiter den 007-Agenten mimen will. Würde er jetzt tatsächlich aufhören, würde ein fader Beigeschmack bleiben.

Schweren Herzens (3.5/6)

Titelbild und Trailer: © Sony Pictures

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