Call me Lili!

Im letzten Jahr machte der ehemalige Olympiasieger Bruce Jenner seine Transsexualität öffentlich und geht nach zahlreichen Operationen nun als → Caitlyn Jenner durchs Leben. Doch die Akzeptanz von Transsexuellen war ein langes Stück Arbeit. Tom Hopper erzählt von dem Künstler Einar Wegener, der sich als einer der ersten Menschen überhaupt einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog. Der Landschaftsmaler (Eddie Redmayne) lebt 1926 in Kopenhagen und ist mit Ehefrau Gerda (Alicia Vikander), die ebenfalls als Malerin arbeitet, glücklich verheiratet. Doch eines Tages nimmt ihre Geschichte eine völlig andere Wendung, als Gerda dringend ein nicht vollendetes Porträt abliefern soll. Gerda bittet unter Zeitdruck ihren Mann, für das Model einzuspringen. Einar soll das Kleid des Models anziehen, damit Gerda das Bild fertig stellen kann. Als eine Bekannte, die Tänzerin Ulla (Amber Heard), die Szenerie beobachtet, gibt sie Einar den Spitznamen Lili. Zunächst als Scherz belächelt, löst die Erfahrung in Einar eine Veränderung aus, da er spürt, dass Lili sein wahres Selbst ist. Gerda unterstützt ihren Mann in seinem Vorhaben fortan nur noch als Lili zu leben und findet in ihr auch eine neue Muse. Mit den Porträts von Lili gelingt auch ihr endlich der künstlerische Durchbruch.  Nach und nach wächst in Lili der unbändige Wunsch heran, vollständig und zukünftig auch körperlich als Frau zu leben. 

Einar Wegener (Eddie Redmayne) - © Universal Pictures Germany
Einar Wegener (Eddie Redmayne) – © Universal Pictures Germany
Gefühlskino mit starkem Cast

Tom Hooper weiß, wie man kraftvolles Gefühlskino dreht, welches von der Academy dementsprechend honoriert wird. Für THE KING’S SPEECH gab es bereits einen Oscar. Das Thema seines neusten Films ist wieder eine Biografie, die auf dem Roman von David Ebershoffs Roman basiert, der allerdings nur lose auf der tatsächlichen Geschichte basiert und die historischen Fakten zugunsten einer Liebesgeschichte etwas verdreht. Die Verdrehung historischer Fakten kennt man bereits von einem weiteren Mitbewerber im Rennen um goldene Filmpreise: STEVE JOBS. Überraschenderweise ist nicht Eddie Redmayne der Schauspieler, der den Rest des Castes an die Wand spielt, wie das bei THE THEORY OF EVERYTHING der Fall war. Matthias Schoenarts, der → in einem Interview zu einem anderen Film bereits erklärte, Redmayne habe seinen zweiten Oscar bereits sicher, lag falsch. Außerdem unterschlug er die fantastische Newcomerin Alicia Vikander, die in der weiblichen Hauptrolle eine ausgesprochen gute Figur macht und die Zerrissenheit ihrer Rolle glaubhaft spielt. Auch Ben Whishaw, Matthias Schoenarts und Amber Heard, die in Nebenrollen zu sehen sind, spielen glaubhafte Charaktere, welche die Geschichte voranbringen.

Der Moment, der alles verändert - © Universal Pictures Germany
Der Moment, der alles verändert – © Universal Pictures Germany
Schwächen im Storytelling

Es gibt Stellen, die zwar nicht per se schlecht sind, aber zu gekünstelt, zu gewollt wirken. Da ist zum Beispiel die Szene, in der zwei Franzosen grundlos Lili zusammenschlagen, weil die nicht die Frage, ob sie Mann oder Frau ist, beantworten möchte. Auch die finale Szene des Films, als der Schal, den Lili Gerda zu einem früheren Zeitpunkt geschenkt hatte, durch die Luft fliegt,  scheint aus dem Lehrbuch für filmische Dramen entnommen zu sein und wirkt zu klischeebeladen. Auch das Verhalten von Eddie Redmaynes Figur wirkt manchmal zu bewusst in Szene gesetzt. Gestik und Mimik werden dann übertrieben lange in Nahaufnahme abgefilmt. Obwohl die Spannung immer aufrechterhalten wird, ist das Storytelling zu glattgebügelt. Konflikte werden innerhalb kürzester Zeit gelöst, es gibt nicht wirklich Probleme, nur Lösungen. Jemand, der wieder jemanden kennt, der helfen kann, ist immer zur Stelle.

(Gerade noch 5/6)

Titelbild und Trailer: © Universal Pictures Germany

Advertisements