Ich lese derzeit ein Buch; bin bisher aber erst beim zweiten Kapitel. Zu meiner Verteidigung, das Buch ist auf Englisch und ziemlich philosophisch: „Better Living Through Criticism“ von A. O. Scott. Jedenfalls geht es im zweiten Kapitel um den persönlichen Geschmack. Scott schreibt da (S. 43 f.):

„Taste, we assume, is innate, reflexive, immediate, involuntary, but we also speak of it as something to be acquired. It is a private, subjective matter, a badge of individual sovereignty, but at the same time a collectively held property, bundling us into clubs, cults, communities and sociological stereotypes.“

Mir kam beim Lesen der → „Self-Aware“-Artikel von Cellurizon in den Sinn, der sich kürzlich mit der Unterscheidung zwischen Kritiker und „Community“ und Hasskommentaren von Lesern auseinandergesetzt hat. Auch Scott kann davon ein Liedchen singen. Von dem Filmkritiker bei der New York Times,  habe ich das erste Mal gehört, als Samuel L. Jacksonper Twitter seine Follower dazu aufrief, einen neuen Job für Scott zu finden. Im Vorfeld hatte Scott eine negative Kritik zu THE AVENGERS veröffentlicht, was Jackson ganz offensichtlich nicht gefiel. Ich finde:

Vom Traum einer gleichgeschalteten Gesellschaft

Gerade in den sozialen Netzwerken gibt es immer wieder Versuche von einzelnen Nutzern anderen ihre Meinung aufzuzwingen. Hier werden dem Autor zunächst erst einmal zahlreiche Schimpfwörter an den Kopf geworfen, es wird behauptet, der Autor habe den Film nicht verstanden und schlichtweg die Brillianz des Filmemachers nicht erkannt. Ich frage mich, was das bringen soll. Natürlich bringt es dem Autoren eines Schmähkommentars einen Moment der Genugtuung und Zufriedenheit. Aber die Meinung des Kritikers wird sich dadurch nicht ändern. Und selbst wenn sie sich ändern würde, was würde entstehen? Eine gleichgeschaltete Gesellschaft. Wo alle einer Meinung sind, die gleichen Filme anschauen, die gleichen Bücher lesen… Kurzum: es wäre die pure Langeweile. Konsenz ist immer langweilig, was vielleicht auch erklärt, warum die meisten Preisverleihungen so gähnend langweilig sind. Davon abgesehen kann sich persönlicher Geschmack auch über die Jahre verändern. Ein Film, den man vor Jahren grottig fand, kann Jahre später plötzlich eine positive Überraschung sein. Ich schließe nicht aus, dass sich meine Meinung über manche Filme vielleicht noch ändern wird – außer bei JUPITER ASCENDING, YEAR ONE, SCHINDLER’S HÄUSER und KNIGHT OF CUPS, die schaue ich nie wieder an; die werden sicherlich auch nicht besser. 😉

Screenshot von meiner Moviepilot-Seite
Screenshot von meiner Moviepilot-Seite
Zahlen und Geschmack

Es ist ein Fehler zu glauben, man hätte den „richtigen Geschmack“ für sich selbst gepachtet.

„Believing something does not make it true; proving it within the light of reason does. ‚Because I said so‘ is a losing argument, if indeed it counts as an argument at all.“
(Scott, S. 48)

Das Gefühl für Ästhetik ist immer auch abhängig von äußeren Faktoren: Freunde, die dir Filme empfehlen, oder Filme, die durch die Werbung derart gehypt werden, dass man neugierig wird. Aber in Zeiten des Internets bestimmen auch Zahlen und Algorithmen immer mehr den persönlichen Geschmack. Scott erwähnt in seinem Kapitel den Amazon-Algorithmus „Kunden, die das kauften, kauften auch das“. Bei Moviepilot errechnet ein Algorithmus die Wahrscheinlichkeit, wie sehr ich einen Film mag und schlägt mir Nutzer vor, die einen  ähnlichen Geschmack haben wie ich. Das mag zwar auf den ersten Blick sinnvoll sein, hat aber den großen Nachteil, dass man sich von den Algorithmen abhängig macht und nicht mehr schaut, was links und rechts des Weges ist. Ich zitiere da gerne mal die Chefin meiner ehemaligen Unibibliothek: „Schauen Sie auch mal, welches Buch links und rechts von dem steht, dass sie sich eigentlich ausleihen möchten.“ (Weiterführende Informationen zu dem Thema gibt’s bei Kinomensch: In → seinem Artikel – den ich regelmäßig zitiere – geht es um die Filmkritik-Aggregatoren und die Tendenz, Noten für Filme zu vergeben.)

Die Kunst, die ich nicht mag

Scott stellt in seinem zweiten Kapitel auch noch eine weitere Frage. Was sagt es denn über mich aus, wenn ich manche Filme nicht mag? Es kommt vor, dass ich völlig gegensätzliche Meinungen unter meinen Kritiken zu lesen bekomme. Zuletzt zu meiner Kritik zu BLACK MASS, den die meisten meiner Leser als langweilig bezeichneten. Da habe ich mich dann schon gefragt, was bei mir „falsch gelaufen“ ist. Nichts. Ich habe einfach nur anders gewichtet. Für mich war Johnny Depps Rückkehr in die erste Liga der Schauspielerei wichtiger als die – ja, ich muss es zugeben – langatmige Story. Ich lese gerne auch andere Meinungen zu einem Film um andere Sichtweisen auf den gleichen Film zu bekommen. Doch ich weiß auch, dass nicht jeder so denkt. Viele Leser wollen auch einfach nur ihre eigene Meinung bestätigt haben. Das ist aber nicht die Aufgabe der Kritik. Kritik ist die Vielzahl an Stimmen, Eindrücken und Schwerpunkten. In der Regel schreibt man eine Kritik doch für sich selbst. Wenn die Kritik dann eine Leserschaft findet bzw. die Leserschaft die Kritik, umso besser.

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