Das „Ich“ in der Gleichung

Ich lese immer noch in A.O. Scotts „Better living through criticism“ und finde darin immer wieder Themen, die einer Besprechung würdig sind (siehe auch → Kritik und Geschmack). Eine Frage, die mich eigentlich schon seit Anbeginn dieses Blogs umtreibt, ist die Frage nach der Subjektivität. Soll ich in der Ich-Form schreiben oder unsachlich wie es in den einschlägigen Fachzeitschriften und -Blogs praktiziert wird.  Die Antwort könnte so leicht sein, den der persönliche Geschmack ist immer subjektiv, aber muss es dann die Filmkritik auch sein? Scott findet, man dürfe das „ich“ nicht aus der Gleichung nehmen. Im Zusammenhang mit den immergleichen Begriffen, die Kritiker benutzen um ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen, sagt er:

„To the immature ear it sounds smarter — sounds more like really saying something — to assert that a book  or a play or a movie ’satisfies‘ or ‚frustrates‘ or ‚disappoints‘ without specifying who exactly is being satisfied or frustrated or dissapointed. In every case, it is you (who else could it possibly be?), but by looping off the ‚me‘ that should logically and grammatically follow those verbs you pretend to have delivered a universal judgment instead of a personal reaction.“ (S. 174, Kapitel „How to be wrong“)

Weiter führt er aus, dass man einem Kritiker, der sich hinter unpersönlichen Phrasen versteckt, auch fehlendes Selbstvertrauen unterstellen könnte. 

Das Selbstverständnis der Filmblogger

An Selbstvertrauen fehlt es mir nicht, allerdings wohl eher an Vorbildern. Ich habe die Schreibweise übernommen, die ich selbst las – und die war unpersönlich. Also schrieb auch ich unpersönliche Filmkritiken, weil alle gesagt haben, das mache man halt so. Natürlich könnte ich es auch anders machen, ist ja schließlich mein Blog und da redet mir niemand rein. Von meinem subjektiven Empfinden her, habe ich den Eindruck, dass Journalisten unpersönlich schreiben, weil sie studiert haben, ihr Handwerk verstehen, sich in ein Thema eingelesen haben und Ahnung haben (sollten). Bei einem Verkehrsunfall steht ja auch nicht das subjektive Empfinden des Unfallreporters in der Zeitung, sondern ein Tatsachenbericht. Diejenigen, die privat bloggen, weil sie ihre Meinung kundtun möchten, schreiben in der Ich-Form. So unterteile ich unterbewusst. Aber die Realität ist komplexer. Ich betreibe den  Blog zwar privat, habe aber einen journalistischen Anspruch. Deshalb habe ich einen Pressezugang zu Verleih XY, der mich auch behandelt wie Presse (und sind wir doch mal ehrlich, die Verleiher kümmern sich in der Regel auch nicht darum, ob da jetzt eine Privatperson oder ein Journalist ihr Pressematerial nutzt). Mit anderen Worten: ich picke mir die Rosinen raus und bin mir über den Luxus, den ich habe (keine Deadlines, keine Zeichenbegrenzung…), auch bewusst. Und vielleicht ist es gerade auch diese Vielfalt an Möglichkeiten, die  mich überfordern und auch immer wieder die Frage nach dem „Ich“ aufwerfen. 

Was gehört zum Ich? Was gehört in eine Filmkritik?

Wo beginnt dann eigentlich das Ich? In dem Filmkritik-Seminar, das ich auf der Uni besucht habe, wurde mir gesagt, man soll auch den Akt des Sehens durchaus thematisieren. Wie sehe ich? Wie geht es mir dabei? Was ist während der Vorstellung passiert? Wenn es eine Kritik gibt, in der ich das wirklich gut umgesetzt habe, dann ist es wohl mein Verriss zu SCHINDLER’S HÄUSER. Mein ganzer Frust über diesen Film ist zu lesen, den Sarkasmus, der aus einigen Zeilen trieft, weil dieses stinklangweilige Machwerk nur so zu ertragen war. Es war eine Wohltat mich aus dem Korsett des Unpersönlichen zu lösen und den Leser an meinem Leidensweg teilhaben zu lassen. Zusammen ist man schließlich weniger allein. Aber zurück zur Frage: Was gehört zum Ich? Gehört der nette Kassierer an der Kinokasse dazu, die Teenager, die aus der letzten Reihe Popcorn werfen oder der Filmriss bei einer 35mm-Filmvorführung? Die amerikanische Filmkritikerin Maryann Johanson gibt bei Filmkritiken zum Beispiel immer an, ob sie positiv und negativ befangen ist (siehe hierzu → ihr „Critic’s Manifesto„), um dem Leser eine Einordnung der Filmkritik zu ermöglichen. Als Leserservice finde ich das zwar ganz nett, aber ich finde, das könnte man dann auch direkt in die Kritik schreiben – sofern man natürlich die Ich-Form verwendet.

Mehr Experimente

Mir persönlich ist es völlig egal, ob ich Formulierungen wie „Der Film hat mir überhaupt nicht gefallen.“ oder „Der Film versagt auf ganzer Linie.“ lese. Wichtig ist eine Begründung, die ich nachvollziehen kann, selbst wenn ich vielleicht anderer Meinung bin. Ich plane schon seit geraumer Zeit einen Relaunch meines Blogs (nicht jetzt sofort, irgendwann im Herbst/Winter 2016) und als Teil des Neuanfangs überlege ich auch schreibtechnisch etwas umzustellen. Einfach mehr zu experimentieren. Nach über 400 Beiträgen, die hauptsächlich unpersönlich gehalten sind, ist es irgendwie Zeit für etwas Neues und ich nehme Scotts Aussage zum Anlass  um ein bißchen mehr zu experimentieren. Vielleicht ändert sich in den ersten Kritiken „der neueren Art“ auch erstmal gar nichts, weil ich noch zu sehr an die unpersönliche Schreibweise gewöhnt bin. Vielleicht ergeben sich aber auch Mischformen und neue Möglichkeiten. Eine Kritik in Reimform bietet sich für BRIGHT STAR, ein Film über den Poeten John Keats, an. Ich war auch schon am Überlegen eine komplette Filmkritik in Binärcode zu verfassen beispielsweise für eine Hackerserie wie 01001101 01110010 00101110 00100000 01010010 01101111 01100010 01101111 01110100 (MR. ROBOT). Ich werde versuchen offener zu sein und nicht immer die Filmkritiken nach Schema F herunterzutippen. Hoffentlich bleiben mir meine Leser trotzdem treu. 

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