Selbst in das schnuckelige Provinzkino hat es TONI ERDMANN inzwischen geschafft. Manch einen wird das nicht überraschen, war der Film doch beim diesjährigen Filmfestival in Cannes ein von Publikum und Kritikern gleichermaßen gefeierter Beitrag. Und eben dieses Cannes-Publikum rieb sich verwundert die Augen als Maren Ade dann doch nicht die goldene Palme bekam. Aber gut, wer braucht schon eine Palme, wenn man den Oscar haben kann? Kürzlich wurde bekanntgegeben, dass TONI ERDMANN Deutschland im Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film vertreten wird. Nachdem im Gegensatz zu VICTORIA der Film genügend Anteile der deutschen Sprache enthält, steht dem auch nichts im Weg. Toni Erdmann existiert gar nicht, auch wenn der Filmtitel suggeriert, es handle sich dabei womöglich um den Protagonisten des Films. Eigentlich geht es um Winfried Conradi (Peter Simonischek), 65, Musiklehrer mit ausgeprägtem Hang zum Scherzen. Als sein geliebter Hund stirbt, entschließt er sich seine Tochter Ines (Sandra Hüller) in Bukarest zu besuchen. Ines arbeitet dort als Unternehmensberaterin und versucht den Geschäftskunden Henneberg (Michael Wittenborn) von ihren Konzepten zu überzeugen. Ines wird von ihrem Vater mit Scherzgebiss und Sonnenbrille in der Lobby ihrer Firma überrascht und muss fortan ihren Vater zu Businessempfängen und weiteren Terminen mitschleifen, wo Winfried Ines‘ Kollegen und potenzielle Geschäftspartner mit seinen schlechten Witzen vergrault. Anstatt, wie angekündigt, Bukarest zu verlassen, entwickelt Winfried ein Alter Ego. Mit schiefem Gebiss und schlecht sitzender Perücke gibt er sich als Toni Erdmann aus. Toni mischt sich in Ines‘ Berufsleben mit der Behauptung ein, der Coach ihres Chefs zu sein, und startet eine Reihe an Scherzen.

Winfried (Peter Simonischek) sucht den Kontakt zu Tochter Ines (Sandra Hüller) - © NFP
Winfried (Peter Simonischek) sucht den Kontakt zu Tochter Ines (Sandra Hüller) – © NFP
Kritik an der Leistungsgesellschaft

Schnell werden die unterschiedlichen Lebensentwürfe deutlich: der pensionierte Musiklehrer Winfried, der sein Leben genießt, und seine Tochter Ines, die sich in einer männerdominierten Branche behaupten muss.  Ob sie das wirklich will, kann man anzweifeln. Mit Zynismus kommentiert sie ihre Arbeit. Sie müsse einem Firmenchef eine Idee verkaufen, die er umsetzen kann. Die Schuld für die Massenentlassungen kann er dann auf die bösen Unternehmensberater schieben, erklärt Ines ihrem Vater. Bereits mit ZEIT DER KANNIBALEN widmete sich ein deutscher Film der Natur des Unternehmensberaters, für den am Ende weniger die menschlichen Schicksale als der große Profit im Vordergrund steht. Hier ist die Kritik an der Leistungsgesellschaft, an dem Schneller-Höher-Weiter-Wachstumsprinzip, weitaus subtiler. Statt das große Ganze zu sehen, geht es um  eine Person: Ines selbst. Winfried hinterfragt das Leben, dass sich nur noch um die Zufriedenheit der potentiellen Kunden dreht, nicht aber um das Leben des Einzelnen. Seine Figur des Toni Erdmann ist eine karikierte Antwort darauf.

"This is the greatest looooove!" - © NFP
„This is the greatest looooove!“ – © NFP
Ein Film, der WIRKLICH überrascht

Es gibt selten Filme, die einem die eigenen eingefahrenen Denkweisen vor Augen führen. TONI ERDMANN ist so ein Film. Immer, wenn man denkt, die Geschichte würde sich in eine bestimmte Richtung entwickeln, kommt es völlig anders als man denkt. Und eigentlich will ich auch gar nichts vorwegnehmen hier in meiner Kritik. Ich will gar nicht von der spontanen Nacktparty erzählen auf der ein gigantisches Zottel-Monster auftaucht, welches Ines dann – nur mit einem Morgenmantel bekleidet – verfolgt und schließlich umarmt. Und doch tue ich es, weil ich doch möchte, dass meine Leser meine Begeisterung verstehen. Der Film schwankt permanent zwischen traurigem Drama, Fremdschäm- und Glücksmomenten. Um diese Momente in ihrer ganzen Wucht zu entfalten, lässt man sich Zeit. In der ersten Dreiviertelstunde des Films wird erst einmal die Ausgangslage definiert, die im Anschluss dann nach allen Regeln der Kunst erschüttert wird. Die Laufzeit von 162 Minuten empfand ich an manchen Stellen etwas zu lang, besonders die Einleitung hätte man noch etwas kürzen können. Aber spätestens als Sandra Hüller Whitney Houstons „The Greatest Love of All“ anstimmte, da empfand ich so etwas wie Glück. Jedenfalls grinste ich über beide Backen, sang innerlich mit und habe mich gefreut wie ein Honigkuchenpferd. 

(5/6 bzw. 8.5/10)

Titelbild und Trailer: © NFP

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