Eine todsichere Art und Weise seine Leser (und auch ein Stück weit sich selbst) vollkommen zu verwirren, scheint mir das Herunterbrechen einer filmischen Erfahrung auf einen Zahlenwert zu sein.  Das umgekehrte Schulnotensystem habe ich mir angewöhnt, weil die erste Seite, auf der ich Filme bewertet habe, → outnow.ch war.  Mich sprach damals besonders die aufgeräumte Optik der Webseite an und ich habe fleißig kommentiert. Doch mit dem Start meines Blogs wechselte ich auch immer öfter zum deutschen Konkurrenten Moviepilot. Der hatte ein 10er-Bewertungssystem, also habe ich mein Schulnotensystem auf Moviepilot umgerechnet, obwohl es wegen der Rundungsfehler eine Diskrepanz von ± 0,5 Punkten geben kann. Relativ neu sind noch mein → Letterboxd– und mein Krittiq-Account. Bei Letterboxd musste ich alles wieder auf eine 5er-Wertung herunterbrechen, wobei es ebenfalls zu Rundungsfehlern kam. Bei Krittiq muss ich schlichtweg zwischen „Hass“, „okay“ und „Liebe“ entscheiden. Ich habe mir inzwischen einen Spickzettel gemacht um den Überblick noch halbwegs zu behalten. 

Mein Spickzettel
Mein Spickzettel

Bei Letterboxd kann man gar keine 0 Punkte vergeben, obwohl es Filme gibt, die das durchaus verdient hätten. Dafür kann ich zusätzlich zu jeder Wertung noch ein Herzchen für „Fans“ vergeben. Die vergebe ich aber erst ab 4 Punkten. Das mache ich auch eher nach Bauchgefühl. Wie ihr in meinem Spickzettel seht, sind bei Krittiq nur sehr wenig Filme wirklich als „Liebe“ gekennzeichnet. Das hat aber den folgenden Hintergrund, dass für mich „Liebe“ ein starker Begriff ist. Für mich persönlich fangen die Filme ab 4/6 an gut zu werden. „Vier von Sechs“ ist ein guter, solider Film, den man auch noch ein zweites Mal schauen kann, aber nicht unbedingt muss. „Liebe“ ist das für mich noch nicht.

Die Krux mit dem Zahlenwert

Neulich schrieb ein Leser unter meine Kritik zu DOCTOR STRANGE: „Erstaunlich um wie viel besser 5/6 klingt im Vergleich zu 8,5/10. Wobei Zweiteres sogar eine bessere Bewertung darstellt.“ Ja, ich hatte hier aufgerundet, weil 8.5 besser zu meiner Seherfahrung passte als 8.0. Und da stelle ich mir abermals die Frage, ob eine Zahl wirklich genau das ausdrücken kann, was in mir vorgeht, beim Schauen eines Films. Filmeschauen ist immer auch subjektiv. Auf Aggregatorenseiten wird es auf einen Zahlenwert heruntergebrochen, weil man damit besser rechnen kann. Ein Artikel, den ich immer wieder gerne zitiere, weil ich ihn so interessant finde, ist der von Lucas Barwenczik über die →“Schwarmkritik„.  Er weist in seinem Artikel darauf hin, dass die Bewertungssysteme, die Aggregatorenseiten zugrundeliegen, intransparent sind und bekanntere Filme nur bekannter macht anstatt auf kleinere, unbekannte Perlen hinzuweisen. 

Erwartungshaltung trifft Realität

Unabhängig davon, dass es jetzt nun einmal diese Bewertungssysteme gibt, ist unklar, ob sie vom Leser überhaupt erwartet werden. Bewerten wir einfach mit Sternen, Punkten, Zahlen, weil man uns die Möglichkeit dazu gibt? Zumal eine negative Bewertung keine wahnsinnig großen Auswirkungen mehr hat. Es gab wohl mal Zeiten, wo die Leser auf das Urteil der Kritiker vertrauten und dann eben nicht ins Kino gingen, wenn die Kritiken negativ bis grottig waren. Heute ist das anders. Heute gibt es eine Vielzahl an Kritiken, sodass für jeden Filmgeschmack auch „der passende Kritiker“ dabei ist. Das Marketing hat ohnehin die Marktmacht übernommen. Einen besonders dreister Fall war der einer 2-Sterne-Kritik zum Film LEGEND des Guardian-Kritikers Benjamin Lee. Diese schlechte Bewertung war sogar auf dem offiziellen Filmplakat zu sehen, allerdings zwischen all den 5-Sterne-Kritiken versteckt, sodass der Leser davon ausgehen musste, dass auch diese Wertung den Film bewirbt (Bildbeweis und ganze Geschichte: → „How my negative review of Legend was spun into movie marketing gold„). Lee nahm es zwar sportlich, lobte das Marketingteam, kritisierte aber wieder den schlechten Film, aber dieses Beispiel zeigt doch, dass die Wertungen ihre Bedeutung verloren haben.

Was nun?

Dass eine Filmkritik eine klare Haltung zum Film beinhalten soll, ist klar. Sie soll dem Leser eine Orientierung geben.  Ob das nun über ein Punktesystem geht, wage ich zu bezweifeln. Das geschriebene oder gesprochene Wort (egal,ob nun in einem Blog, Fernseh- oder Radiobeitrag, Podcasts oder Youtube-Channel) wird immer besser eine Stimmung oder eine Einschätzung wiedergeben können, als eine Punktzahl. Der Leser sollte sich nicht immer auf die Punktzahl stürzen, sondern sich die Zeit nehmen die Gedanken des Kritikers nachzuvollziehen. Dabei kann es helfen, wenn der Kritiker nicht nur seine Einschätzung zum Film erklärt, sondern auch eventuelle persönliche Vorbehalte wie z.B. das Nichtmögen eines bestimmten Schauspielers zu thematisieren. 

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