Es ist Sonntag, der 26. Februar 2017. Oscar-Zeit. Yeah! Naja, dieses „Yeah!“ muss man sich jetzt eher mit genöhltem Unterton denken, denn so richtig vorbereitet war ich nicht auf diese Oscarnacht. Ich hatte kein Internet zur Verfügung und auch keinen Fernseher. Auf dem kleinen Handybildschirm machen die Oscars auch keinen Spaß, abgesehen davon hätte ich für einen drei- bis vierstündigen Livestream viele Gigabytes verbraten, was am Ende zu einer unnötig teuren Rechnung geführt hätte. Ich hatte mein Handy lediglich dazu benutzt um zu recherchieren, dass nach dem Moderationsdebakel von Annemarie Carpendale im letzten Jahr dieses Mal wieder Steven Gätjen die ProSieben-Berichterstattung vom roten Teppich übernimmt. Eine Änderung, die ich mit wohlwollendem Nicken kommentiert habe. Steven ist auch nicht perfekt, aber im direkten Vergleich zu Carpendale doch viel mehr „im Stoff“.

Am Morgen danach

Ich bin kurz nach fünf Uhr aufgewacht. Eigentlich viel zu früh. Beim Blick auf mein Handy fiel mir ein, dass die Oscars ja noch laufen müssten. Ich schnappe mir mein Handy und scrolle durch die Schlagzeilen. Hat Toni Erdmann den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen? Nein, hat er nicht. Hmpf. Wäre ja auch zu schön gewesen. Das Video von Jimmy Kimmels Opening ist bereits online und es ist ziemlich lustig.

Quelle: Youtube/Jimmy Kimmel Live

Kaum auf Youtube finde ich auch noch ein → „Mean Tweets“-Oscar-Special, das ich nur mäßig lustig finde. Irgendwie ist der Witz so langsam durch. Vor drei Jahren habe ich mich darüber beschwert, dass bei den Oscars nichts Unvorhergesehenes passiert. Die Touristengruppe, die einmal quer durch das Dolby Theatre vorbei an der ersten Reihe geschleust wird, wo jeder artig der „highly overrated Meryl Streep“ die Hand gibt, ist da mal ein gelungener Gegenentwurf. Denzel Washington fand das offenbar aber gar nicht gut und ergriff schnell wieder die Flucht während andere bereitwillig Selfies und persönliche Gespräche zuließen.

Quelle: Youtube/Jimmy Kimmel Live

Jimmy Kimmel übernahm Ellen DeGeneres‘ Idee der Prominentenspeisung und hob sie auf ein höheres Level. Dieses Mal wurde keine Pizza verteilt, sondern es schwebten kleine Fallschirme von der Decke herunter. Die Liveticker tickerten weiter und immer wieder trudelten neue Nachrichten ein. Von Gewinnern und Verlierern. Dann irgendwann wurde es still. Ich wechselte wieder zu Youtube zu einem Oscar-Watch-Along. Versteinerte Blicke. Wildes Durcheinandergerede. Keine Ahnung, was passiert ist. Ich wechsele zum zweiten Livevideo. Wieder verwirrte Gesichter. Was zur Hölle ist denn passiert? Die Oscars sind ja nicht gerade für Überraschungen bekannt. Ich wechsele wieder zum Liveticker. MOONLIGHT gewinnt bester Film, nicht LA LA LAND. Die Umschläge waren vertauscht. Was für eine Pointe und ich habe es nicht gesehen. Da schaue ich einmal keine Oscars und dann scheint es die beste Oscarverleihung in jüngster Zeit zu sein.

Am Tag danach

Inzwischen haben sämtliche Late-Night-Talker das Thema mit dem vertauschten Umschlag aufgegriffen. Moderator Jimmy Kimmel erzählt, dass bei den Proben am Nachmittag → weite Teile des Sets umgefallen sind und der vertauschte Umschlag im direkten Vergleich eigentlich das geringere Übel war und versuchte das Missgeschick zu erklären.

Quelle: Youtube/Jimmy Kimmel Live

Währenddessen machte sich sein Kollege James Corden einen Spaß daraus die → Fotos des geschockten Publikums zu analysieren und auch noch die großartige Auditionszene aus LA LA LAND zu parodieren. Aus „Here’s to the ones who dream“ wird hier „Here’s to the ones who lose“.

Quelle: Youtube/The Late Late Show with James Corden

Auch das Internet ist voller Kommentare, die teilweise einen Zusammenhang zwischen der verlorenen Wahl von Hillary Clinton gegen Donald Trump herstellten. Der wiederum gab in einem Interview sinngemäß an, dass das Missgeschick nur deshalb passiert sei, weil sich die Macher der Sendung mehr auf die Kritik gegen seine Politik konzentriert haben anstatt die Sendung ordentlich abzuwickeln.

Zwei Wochen danach oder: Was bleibt?!

Ich könnte optimistischer sein, aber im Grunde ist nach den Oscars vor den Oscars. Soll heißen, so richtig erinnert man sich an die Oscars schon nicht mehr. Das Kinojahr muss weitergehen. Sicherlich wird die Geschichte mit dem vertauschten Umschlag, die PricewaterhouseCoopers ordentlich in Bedrängnis brachte (und ihren Mitarbeitern Brian Cullinan und Martha Ruiz ein lebenslanges Oscarverbot einbrachte), im nächsten Jahr wieder aufgegriffen werden. Ein positives Zeichen ist, dass der Protest der letzten Jahre über die „weißen Oscars“ offensichtlich Wirkung gezeigt hat. Mit sieben Nominierungen waren schwarze Filmschaffende überdurchschnittlich gut vertreten (2016: 0 Nomierungen) und mit Viola Davis, Mershala Ali und Barry Jenkins wurden auch einige afroamerikanische Filmemacher ausgezeichnet. Nachdem ich jetzt FENCES und HIDDEN FIGURES gesehen habe, bin ich übrigens auch der Meinung, dass der Oscar für den besten männlichen Hauptdarsteller nicht an Casey Affleck, sondern an Denzel Washington hätte gehen müssen. Auf der anderen Seite hat der bereits zwei Oscars und braucht eigentlich keine weitere Bestätigung seiner Arbeit. Er wird wissen, was er kann. Fairer wäre es allerdings schon gewesen.

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